Unterstützte Kommunikation: Wenn Worte fehlen, aber Kommunikation nicht
Jeden Oktober findet weltweit der Internationale AAC Awareness Month statt. AAC steht für Augmentative and Alternative Communication, auf Deutsch „Unterstützte Kommunikation (UK)“. Der Aktionsmonat macht darauf aufmerksam, dass Kommunikation weit mehr ist als gesprochene Sprache – und dass Menschen, die nicht oder nur eingeschränkt sprechen können, vielfältige Möglichkeiten brauchen, sich mitzuteilen.
Für Eltern kann es eine große Erleichterung sein, wenn das eigene Kind endlich eine Möglichkeit findet, verständlich zu machen, was es möchte, was es braucht oder wie es ihm geht. Denn Kommunikation bedeutet nicht nur, einen Wunsch zu äußern. Sie ermöglicht Begegnung, Selbstbestimmung, Teilhabe und die Erfahrung: Ich kann etwas bewirken. Andere verstehen mich.
Wenn das Kind sich mitteilen möchte – aber nicht verstanden wird
Manche Kinder entwickeln keine oder nur sehr wenig Verbalsprache. Einigen Kindern im Autismus-Spektrum fällt es besonders schwer, Sprache zu entwickeln oder sie so einzusetzen, dass andere sie gut verstehen. Auch motorische Planungs- und Koordinationsschwierigkeiten, etwa Dyspraxien, können dazu führen, dass Sprache unklar oder verwaschen klingt.
Für das Kind kann das sehr frustrierend sein. Es versucht, etwas mitzuteilen – doch die Botschaft kommt bei den anderen nicht an. Also greift es auf andere Möglichkeiten zurück: Es zieht einen Erwachsenen an der Hand, schreit, weint, schlägt oder wirft vielleicht etwas. Von außen kann dieses Verhalten schnell als „aggressiv“ oder „herausfordernd“ wahrgenommen werden. Dahinter kann jedoch eine ganz andere Botschaft stecken: „Ich möchte, dass du mich verstehst!“
Wenn ein Kind wiederholt erlebt, dass seine Kommunikationsversuche nicht erfolgreich sind, kann es zudem die Erfahrung machen, selbst nichts bewirken zu können. Unterstützte Kommunikation kann hier einen wichtigen Weg eröffnen.
UK bedeutet: viele Wege führen zur Kommunikation
Unterstützte Kommunikation ist kein einzelnes Hilfsmittel. Sie umfasst unterschiedliche Möglichkeiten, die Kommunikation zu ergänzen oder überhaupt erst zu ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise Bildkarten, Fotos, Symbole, Gebärden, Gesten oder elektronische Kommunikationshilfen mit Sprachausgabe (Talker, s.u.).
Man kann ganz einfach beginnen. Dem Kind werden beispielsweise zwei Bildkarten angeboten: eine mit einem Keks und eine mit Gummibärchen. Das Kind zeigt auf ein Bild – und bekommt das Gewünschte. Auf diese Weise kann es unmittelbar erfahren:
„Wenn ich dieses Bild zeige, versteht mich jemand und ich bekomme, was ich möchte.“
Diese Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist ein wichtiger Schritt. Nach und nach kombinieren viele Kinder beispielsweise Bildsymbole mit Gesten oder Gebärden. Eine einfache Gebärde wie „fertig“ kann dabei sehr hilfreich sein und wird häufig auch von Menschen verstanden, die selbst keine Gebärdensprache beherrschen.
Der Talker: Sprache aus dem Tablet
Wenn ein Kind mit Bildkarten vertraut ist, kann im nächsten Schritt ein „Talker“ zum Einsatz kommen – ein Tablet mit Bildern/Symbolen und Sprachausgabe. Das Prinzip ist einfach: Das Kind wählt ein Symbol aus und das Gerät spricht das entsprechende Wort aus. Aus dem Bild eines Gummibärchens wird beispielsweise hörbar: „Gummibärchen“.
Entscheidend ist, dass das Umfeld (Eltern, Kita, Schule) diese Kommunikationsform aktiv unterstützt, z.B. durch „Modelling“, das Lernen am Modell: Erwachsene nutzen den Talker selbst, während sie mit dem Kind sprechen. Sie zeigen beispielsweise auf dem Gerät „ich möchte“ und anschließend „Tee“, während sie sagen: „Ich möchte Tee.“ So erlebt das Kind, wie es die Kommunikationshilfe verwenden kann – ähnlich wie ein Kind gesprochene Sprache zunächst vor allem dadurch lernt, dass es sie immer wieder hört und nachahmt.
Materialien für UK
Es gibt eine Vielzahl von fertigen Bildkarten und Symbolsammlungen. Sie sind für den Einsatz zu Hause oder im Rahmen einer Therapie geeignet. Zwei Sammlungen bieten kostenlose Symbole, die man downloaden bzw. für seinen individuellen Bedarf gestalten kann:
Arasaac: https://arasaac.org/
Pictoselector: https://www.pictoselector.eu/de/
Ein Beispiel für die Nutzung im öffentlichen Raum zeigt die Tafel unten, die an einem Spielplatz in Berlin-Wilmersdorf aufgestellt wurde. Hier werden Symbole von metacom genutzt.
Die Tafel ermöglicht direkt vor Ort die Teilhabe für Kinder, die aus verschiedensten Gründen die Verbalsprache nicht ausreichend beherrschen. Ihnen wird so eine Stimme zu geben – auch wenn sie nicht gesprochen wird. Ein Kind, das nicht sprechen kann, hat deshalb nicht weniger zu sagen. Es hat Wünsche, Bedürfnisse, Gefühle, Gedanken und etwas zu erzählen. Unterstützte Kommunikation hilft dabei, dass diese Botschaften ankommen und wir einander besser verstehen.
Duale Autismus- und Familientherapie und Elterntreff bei Zephir gGmbH
Zephir gGmbH bietet für Kinder im Autismus-Spektrum und ihre Eltern/Angehörigen eine „Duale Autismus- und Familientherapie“. „Unterstützte Kommunikation“ ist bei Bedarf Teil der individuellen Therapie.
Alle sechs bis acht Wochen veranstalten wir außerdem einen Elterntreff, bei dem sich Eltern/Angehörige von Kindern im Autismus-Spektrum untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen können. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.
Ansprechpartnerin:
Miriam Vogt (Bereichsleitung), Tel.: 0159 – 06 14 52 81 oder vogt@zephir-ggmbh.de
Unsere Arbeit wird gefördert durch die Berliner Jugendämter.