Selbstfürsorge für Eltern von Kindern im Autismus-Spektrum
Der Alltag mit einem Kind im Autismus-Spektrum ist oft intensiv, fordernd und von hoher Verantwortung geprägt. Die meisten Eltern managen nicht nur das Leben eines Heranwachsenden, sondern brauchen eine hohe Kompetenz bei der Auseinandersetzung mit Schulen, Behörden, Krankenkassen und anderen Einrichtungen. Ein Kind, das sich anders entwickelt als der neuronormative Durchschnitt und besondere Fähigkeiten und Verhaltensweisen zeigt, fällt auf und fordert seine Umgebung heraus. Mütter und Väter von Kindern im Autismus-Spektrum bewegen sich zwischen Förderung, Struktur- und Haltgebung, Verständnis für besondere Bedürfnisse und natürlich den Anforderungen des eigenen Lebens. Der Verlauf eines Tages ist oft unvorhersehbar und erfordert ein hohes Maß an Flexibilität. Dabei gerät ein entscheidender Aspekt leicht in den Hintergrund: die Selbstfürsorge.
Für sich sorgen, heißt Verantwortung übernehmen
Selbstfürsorge bedeutet nicht Egoismus oder Rückzug von Verantwortung. Im Gegenteil: Sie ist eine grundlegende Voraussetzung dafür, langfristig stabil, handlungsfähig und zugewandt bleiben zu können. Eltern, die gut für sich selbst sorgen, schaffen die Basis dafür, ihr Kind verlässlich zu begleiten. Dies beginnt oft mit einem Perspektivwechsel: Die eigenen Bedürfnisse sind nicht weniger wichtig als die des Kindes. Dazu gehört, die eigenen Grenzen zu erkennen, ernst zu nehmen und sie auch zu kommunizieren. Erschöpfung, Reizbarkeit oder das Gefühl von Überforderung sind keine Schwächen, sondern wichtige Signale des Körpers bzw. des überforderten Nervensystems. Bezugspersonen leisten täglich enorm viel, auch emotional – oft unsichtbar für andere. Sich dies bewusst zu machen und die eigenen Anstrengungen anzuerkennen, stärkt die innere Stabilität, Ihre Resilienz, Ihre Gesundheit.
Pausen im Alltag machen
Kleine, aber regelmäßige Auszeiten können bereits einen großen Unterschied machen. Entscheidend ist nicht die Dauer, sondern die Regelmäßigkeit und die bewusste Wahrnehmung dieser Momente.
Oft sind es kleine Momente, die entlasten:
- fünf Minuten bewusstes Durchatmen am offenen Fenster
- eine Tasse Kaffee oder Tee genießen – ohne Ablenkung
- ein kurzer Spaziergang, während Ihr Kind betreut ist
Diese Mini-Pausen sind kein „Luxus“, sondern Regeneration.
Sich selbst eine kleine Freude bereiten
Umgeben Sie sich mit kleinen Dingen, die Ihnen im Alltag Freude bereiten. Das kann eine einzelne Blume in einer hübschen Vase, ein besonderer Stein oder eine Muschel sein, die Sie beim letzten Strandspaziergang gefunden haben. Wie wäre es mit einem Frisörbesuch (nicht, weil er unbedingt nötig ist!), einem Kaffee mit der Freundin oder dem besten Freund? Oder beschäftigen Sie sich am Abend – am besten regelmäßig – mit einfachen Atem- und Entspannungsübungen, die das Nervensystem beruhigen. Vor allem: Seien Sie freundlich mit sich selbst, – so oft es geht. Anerkennen Sie, was Sie alles geben, wenn Sie Ihr Kind / Ihre Familie begleiten!
Reize auch für sich selbst reduzieren
Viele Kinder im Spektrum reagieren sensibel auf Reize – und die Eltern oft gleich mit. Das lässt sich mit ein bisschen Planung und Vermeidung von menschen- und verkehrsreichen Situationen gut steuern. Nutzen Sie reizärmere Zeiten (z. B. früh morgens zum Einkaufen in den Supermarkt). Schaffen Sie Rückzugsorte zur Selbstregulation, auch für sich selbst. Vielleicht gibt es auf dem täglichen Schul- oder Arbeitsweg einen Park mit einer Bank, die zum Verweilen, zum kurzen Innehalten einlädt. In der Stadt sind offene Kirchen mitunter ein guter Anlaufpunkt, um mal einen Moment Ruhe zu genießen. Ganz wichtig: Planen Sie für alles, was Sie tun möchten, ein ausreichend großes Zeitfenster ein. Nichts macht mehr Druck als zu wenig Zeit. Eine gute Vorbereitung und Routinen sind hilfreich und reduzieren den Stress.
Lassen Sie sich helfen, tauschen Sie sich aus!
Ein weiterer wichtiger Baustein ist, Unterstützung von außen anzunehmen. Viele Eltern neigen dazu, alles allein bewältigen zu wollen – sei es aus Gewohnheit, aus Verantwortungsgefühl oder aus Sorge, dass andere die Bedürfnisse Ihres Kindes nicht verstehen. Doch Entlastung durch Partner:innen, Familie, Freundeskreis oder professionelle Angebote kann helfen, die eigenen Kräfte zu erhalten. Wie wäre es, wenn mal eine andere Mutter / Vater Ihr Kind gelegentlich mit abholt – im Gegenzug übernehmen Sie eine andere kleine Aufgabe. So entsteht Entlastung ohne großen organisatorischen Aufwand.
Besonders der Austausch mit anderen betroffenen Eltern wird häufig als besonders entlastend erlebt, da hier Verständnis ohne viele Erklärungen vorhanden ist. Vernetzten Sie sich, unser Elterntreff ist eine Möglichkeit. Oder besuchen Sie eine der vielzähligen Fachveranstaltungen, um sich zu informieren. Auch hier gibt es immer die Möglichkeit, Erfahrungen auszutauschen, Anregungen mitzunehmen oder Kontakte zu knüpfen.
Bitte keine Perfektion!
Auch der Umgang mit eigenen Erwartungen spielt eine große Rolle. Der Wunsch, allem gerecht zu werden – dem Kind, der Familie, dem Beruf – führt oft zu innerem Druck. Es kann hilfreich sein, sich bewusst zu machen, dass „gut genug“ im Alltag oft vollkommen ausreichend ist. Perfektion ist weder erreichbar, noch notwendig.
Selbstfürsorge ist kein einmaliges Ziel, sondern ein fortlaufender Prozess. Sie bedeutet, immer wieder innezuhalten und zu prüfen: Was brauche ich gerade? Diese Haltung wirkt sich nicht nur positiv auf das eigene Wohlbefinden aus, sondern auch auf die Beziehung zum Kind. Aus dieser Stabilität entsteht das, was Ihr Kind am meisten braucht: Verlässlichkeit, Ruhe und echte Verbindung.
Duale Autismus- und Familientherapie und Elterntreff bei Zephir gGmbH
Zephir gGmbH bietet für Kinder im Autismus-Spektrum und ihre Eltern/Angehörigen eine „Duale Autismus- und Familientherapie“. Alle sechs bis acht Wochen veranstalten wir außerdem einen Elterntreff , bei dem sich Eltern/Angehörige von Kindern im Autismus-Spektrum untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen können. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.
Ansprechpartnerin:
Miriam Vogt (Bereichsleitung), Tel.: 0159 – 06 14 52 81 oder vogt@zephir-ggmbh.de
Unsere Arbeit wird gefördert durch die Berliner Jugendämter.