Autismus und weibliches Masking – Anpassung unter Druck
In unserem letzten Artikel von „Autismus er-leben“ haben wir uns ausführlich mit dem Thema „Wahrnehmung“ beschäftigt. Menschen im Autismus-Spektrum nehmen ihre Umwelt oft intensiver, fragmentierter und überwältigender wahr als neurotypische Personen. Die Ursache: Neurowissenschaftliche Befunde zeigen, dass ihr Gehirn übermäßig vernetzt ist und Reize stärker und länger verarbeitet werden. Dadurch werden Geräusche, Licht, Gerüche oder Berührungen besonders intensiv und gleichzeitig mit hohem Energieaufwand wahrgenommen. Das Ergebnis: ein „Feuerwerk“ von gleichrangigen Eindrücken, das kaum gefiltert wird. Durch den fehlenden automatischen Fokus auf das Wichtige erscheinen alle Reize gleichzeitig stark, was in Situationen wie z.B. in Klassenzimmern oder in Einkaufszentren schnell zu Überforderung führt.
Häufig: Sensorische Über- oder Unterempfindlichkeit
Dazu kommen – je nach Person – manchmal auch noch eine Überempfindlichkeit (Hypersensitivität) oder eine Unterempfindlichkeit (Hyposensitivität). Beides kann auch im Wechsel auftreten. Eine sensorische Unterforderung kann sich z.B. in einer vermehrten Reizsuche äußern, bei einer Überempfindlichkeit werden Reize als aversiv oder unerträglich erlebt. Die Reaktion ist dann Rückzug, Flucht, Erstarren oder im Extremfall ein „Shutdown“ bzw. „Meltdown“.
Überspielen mit „Masking“
Menschen im Autismus-Spektrum beobachten ihr Umfeld gut, nehmen das Verhalten anderer in der gleichen Situation wahr und auch die Unterschiede zu ihrem eigenen. Sie wollen dazugehören, nicht als „anders“ auffallen. Als Strategie versuchen sie sich anzupassen. Sie verbergen ihrer wahren Gefühle und ahmen das Verhalten von anderen nach. Diese Kompensationsstrategie wird als „Masking“ bezeichnet. Masking ist der Versuch, sich an allgemeine Normen und durchschnittliche Erwartungen anzupassen. Aber was tun, wenn die eigene Wahrnehmung nun mal so überwältigend ist, dass man nicht so tun kann, also ob nichts wäre…?
Eine Mutter berichtete uns von einer Begebenheit mit ihrer Tochter Mia. Die Alltagsszene zeigt, wie ein Mädchen im Autismus-Spektrum in einer alltäglichen Situation in Bedrängnis gerät. Mia wird zur Schauspielerin, spielt die Rolle, die von ihr erwartet wird. Sie ahmt nach, imitiert, weil der Anpassungsdruck hoch ist und sie niemanden verletzten möchte. Niemand soll sehen, wie es ihr wirklich geht. Sie verleugnet sich selbst und ihre Gefühle. Würden wir so leben wollen bzw. können?
Mia und der eklige Käsekuchen
Mia (10 Jahre) erzählte mir heute auf dem Weg zu ihrer Psychotherapeutin, dass sie keinen Käsekuchen mag.
Gestern gab es in der Schule „Russischen Zupfkuchen“, eine Art Käsekuchen mit Schokoteig von ihrem Klassenkameraden Jeremy. Sie wollte höflich sein, also probierte sie etwas davon zu essen. Die Schokoladenteile gingen gerade noch, doch den Quarkteil fand sie geradezu ekelig. Immer wenn etwas Quark in ihren Mund kam, trank sie schnell Wasser, um den Geschmack wegzuspülen. Sie versuchte, es ganz heimlich zu machen, damit keiner um sie herum bemerkt, dass es ihr nicht schmeckt. Dazu versuchte sie, um den Quark herum zu essen.
Als Jeremy sie fragte, ob es ihr schmecke, sagte sie „Ja“ und versuchte, so überzeugend wie möglich dabei zu lächeln: Sie achtete darauf nicht zu breit zu lächeln, damit es nicht übertrieben wirkt, und auch nicht zu wenig, damit es wie ein echtes Lächeln aussieht. Sie hat auch lange vor dem Spiegel geübt, mit ihren Augen zu lächeln. Sie glaubt, sie schafft es schon sehr gut, so dass keiner merkt, dass es nicht echt ist. Und sie bemüht sich immer, den anderen in „das Schwarze in den Augen zu schauen“, wie sie sagt.
Sie hat sich auch schon überlegt, was sie beim nächsten Mal sagen könnte, um keinen Käsekuchen essen oder probieren zu müssen – z.B. dass sie keinen Appetit habe, oder dass sie schon satt sei.
Abgesehen davon wie reflektiert Mia diese Situation schildern konnte, finde ich, dass es ein wunderbares Beispiel für weiblichen Autismus ist und gleichzeitig eine Erklärung, warum Sozialkontakte für Mia als Kind aus dem Autismus-Spektrum so anstrengend sind: Um „sozialverträglich“ zu agieren und nicht aufzufallen, steckt sie enorm viel Energie und Anstrengung hinein, um zu analysieren, was genau von ihr erwartet wird (z.B. höflich sein, Essen probieren, sagen, dass es ihr schmeckt, anderen in die Augen schauen, lächeln usw.) und zu maskieren, also ihre wahren Gefühle wie Ekel zu unterdrücken und dabei aufzupassen, dass keiner die Wahrheit merkt!
Aus Sicht unserer Therapeuten
Solche Berichte berühren uns Therapeuten immer sehr. Der Gedanke daran, was diese jungen Menschen Tag für Tag leisten, ist fast schmerzlich zu hören und zu erleben, weil es immer mit einem geschwächten Selbstbild einhergeht: Ich muss mehr leisten bzw. permanent kompensieren, um einfach nur klar zu kommen. Ich muss meine Gefühle und mein Verhalten ständig steuern, verlerne dabei aber, auf mich selbst zu hören. Ich trainiere, um anderen Erwartungen zu entsprechen.
Diese Anstrengungen, welche Menschen aus dem autistischen Spektrum aufbringen, sind und bleiben auch nach Jahrzehnten der Berufsausübung unvorstellbar.
Duale Autismus- und Familientherapie und Elterntreff bei Zephir gGmbH
Zephir gGmbH bietet für Kinder im Autismus-Spektrum und ihre Eltern/Angehörigen eine „Duale Autismus- und Familientherapie“. Alle sechs bis acht Wochen veranstalten wir außerdem einen Elterntreff , bei dem sich Eltern/Angehörige von Kindern im Autismus-Spektrum untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen können. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.
Ansprechpartnerin:
Miriam Vogt (Bereichsleitung), Tel.: 0159 – 06 14 52 81 oder vogt@zephir-ggmbh.de
Unsere Arbeit wird gefördert durch die Berliner Jugendämter.