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Stimming: Wir regulieren uns alle

Grafik "Autismus er-leben"

Stimming – Selbstregulation im Autismus-Spektrum

Der wippende Fuß, das nervöse Kauen an den Nägeln, das Klappern mit dem Stift – all das ist „Stimming“. Der Begriff „Stimming“ leitet sich von self-stimulatory behavior ab und beschreibt sich wiederholende, unbewusste Bewegungen, Geräusche oder Handlungen, die der Selbstregulation dienen. Stimming kommt bei allen Menschen vor, egal ob neurotypisch oder neurodivergent. Stimming ist also ein ganz „normales“ Verhalten, das wir im Alltag bei uns und anderen beobachten können. Bei Menschen im Autismus-Spektrum ist Stimming ausgeprägter, sichtbarer und oft lebenswichtig für das innere Gleichgewicht. Von der Umgebung wird es jedoch oft als „störend“ wahrgenommen.

Stimming zur Stressregulation

In einer lärmenden Welt der Stimuli – Geräusche, Licht, soziale Anforderungen u.a. – kann Stimming dabei unterstützen, mit diesen Überforderungen umzugehen, zu regulieren oder innere Spannungen zu lösen. Die Formen sind vielfältig: Händeflattern, Schaukeln, Drehen von Gegenständen, Summen, Wiederholen von Worten oder das Berühren bestimmter Materialien. Manche Formen des Stimming sind kaum sichtbar, andere fallen im sozialen Umfeld stark auf.

Stimming hilft, Sinneseindrücke zu verarbeiten, Stress abzubauen oder sich zu konzentrieren. Die Wiederholung von gleichförmigen Bewegungen oder Lauten/Worten wirkt beruhigend, übertönt, gibt Sicherheit in einer angespannten Situation. Um dies zu unterstützen, gibt es sogar spezielle Spielzeuge, sogenannte „Fidget-Toys“ – in diversen Formen und Farben. Man kann z. B. Bälle in den Händen kneten, Spinner rollen, Schläuche schieben, drücken, etwas in Bewegung halten. Sie lenken die Aufmerksamkeit weg von der belastenden Situation, verschaffen eine Pause für das hyperfunktionale, hyperaktive Gehirn von Menschen im Autismus-Spektrum. Sie helfen unmittelbar die Stresssituation, die durch Überforderung und Überladung entstanden ist, besser „auszuhalten“.

Bewältigungsstrategie, kein Problemverhalten!

Stimming ist also kein „Problemverhalten“, sondern eine funktionale Strategie des Nervensystems. Menschen im Autismus-Spektrum haben eine besonders intensive Wahrnehmung und keine guten Filter, um ihr Nervensystem zu schützen. Viele Informationen und Reize führen bei ihnen zu starkem Stress, den sie mit Stimming versuchen zu regulieren. Es ist also in keinem Falle sinnvoll, dieses intuitive Verhalten zu reglementieren oder gar zu unterbinden, was leider häufig noch bei verhaltenstherapeutischen Autismus-Therapien geschieht. Damit nimmt man den Kindern die Möglichkeit der Selbstregulation – ihre Überlebensstrategie. Die Überforderung kann keinen Ausweg finden und bleibt nach innen gerichtet. Leid, innere Anspannung und Erschöpfung werden immer größer. Verbleibt die Spannung im System, besteht die Möglichkeit, dass es zu einem wie auch immer gearteten Impulsdurchbruch mit selbst- oder fremdverletzendem Verhalten kommt.

Viel hilfreicher ist es dagegen, geeignete Alternativen anzubieten wie z.B. die oben erwähnten Fidget-Tools oder auch Bewegungsangebote. In unserer Dualen Autismus- und Familientherapie erarbeiten wir gemeinsam mit unseren Klientenfamilien verschiedene Möglichkeiten, die bei der Selbstregulation in der akuten Situation helfen. Wir schaffen gemeinsam einen Rahmen für die jungen Menschen, in welchem sich ihr Nervensystem durch ein Sicherheitsgefühl gut regulieren kann.

Wichtiger Grundsatz: Stimming darf und muss sein. Steht ein Kind bspw. in der Lernsituation vom Tisch auf, um dem Drang des Wedelns nachzukommen, darf das sein! Stimmt der Rahmen, entsteht bei den Kindern auch die Motivation zu interagieren und zu kooperieren. Das Kind kommt i.d.R. gut reguliert eigenständig zurück. Für Kinder, die bspw. zu oralem Stimming neigen, können Kauketten angeboten werden. Propriozeptive (Tiefensensibilität + Eigenwahrnehmung) und vestibuläre (Gleichgewichtsinn) Reize sind oft ebenfalls sehr hilfreich bei der sensorischen Integration: Massageeinheiten, Gewichtsdecken, Höhlen, schaukeln, drehen u.v.m. unterstützten neurosensitive Kinder essenziell dabei, in einem ausbalancierten Modus zu verbleiben.

Miriam Vogt, Bereichsleiterin der Dualen Autismus- und Familientherapie bei Zephir gGmbH, beschreibt die verschiedenen Aspekte des „Stimming als Überlebensstrategie“ in ihrem YouTube-Video:

Duale Autismus- und Familientherapie und Elterntreff bei Zephir gGmbH

Zephir gGmbH bietet für Kinder im Autismus-Spektrum und ihre Eltern/Angehörigen eine „Duale Autismus- und Familientherapie“. Alle sechs bis acht Wochen veranstalten wir außerdem einen Elterntreff , bei dem sich Eltern/Angehörige von Kindern im Autismus-Spektrum untereinander austauschen und gegenseitig unterstützen können. Sprechen Sie uns bei Interesse gerne an.

Ansprechpartnerin:
Miriam Vogt (Bereichsleitung), Tel.: 0159 – 06 14 52 81 oder vogt@zephir-ggmbh.de

Unsere Arbeit wird gefördert durch die Berliner Jugendämter.